Alles umsonst?
Wie würde unsere Welt aussehen, wenn das ehrenamtliche Engagement so vieler Menschen nicht wäre? Es gäbe keine Pfarrgemeinden und keine soziale Verantwortung. Kunst, Kultur und Sport wären nur für jene zu haben, die sehr viel Geld dafür bezahlen können. Kurz gesagt, eine solche Welt wäre kalt und niemand würde gerne in ihr leben wollen. Derzeit wird allerdings vor allem von der Wirtschaft so getan, als könnte der einzelne Mensch nur dann glücklich werden, wenn er für sich selbst das Meiste herausholt und alles im Leben nur mit Geld zu haben ist. Dabei werden die Augen fest davor verschlossen, dass die Marktwirtschaft nur deshalb halbwegs funktioniert, weil viele Menschen und vor allem Frauen, unbezahlte Arbeit leisten. Es ist uns Frauen deshalb ein Anliegen, den Blick auf diese unbezahlte Arbeit zu lenken und sie uns selbst bewusst und der Gesellschaft sichtbar zu machen.
Besonders wichtige Arbeit wird oft nicht bezahlt
Vieles, was das Leben lebenswert macht, geschieht unbezahlt, weil es ganz einfach nicht mit Geld abgegolten werden kann, dennoch ist es Arbeit. Haushalt, Kinderbetreuung, Versorgung, Gesundheitsvorsorge, Pflege, soziales und politisches Engagement, Nachbarschaftshilfe, Vereinsarbeit usw. wird nie zur Gänze bezahlt werden – aber diese Tätigkeiten sind lebensnotwendig und die Voraussetzung für ein gutes Leben.
Die unbezahlte Arbeitswelt
Dabei ist es wichtig, zwischen der häuslichen und der außerhäuslichen unbezahlten Arbeit zu unterscheiden. Es ist unbestritten, dass die häusliche unbezahlte Arbeit wie Haushalt, Kinderbetreuung, Versorgung, Pflege usw. zumeist von Frauen geleistet wird. Bei der außerhäuslichen unbezahlten Arbeit sieht es ein wenig anders aus, da engagieren sich sehr wohl auch viele Männer, allerdings in meist ganz anderen Bereichen als Frauen. Deshalb lohnt es sich, dieses Feld ein wenig zu beleuchten und die verschiedenen Bereiche auseinander halten. Fälschlich wird diese unbezahlte außerhäusliche Arbeit auch als ehrenamtliche Arbeit bezeichnet, da es in den meisten anderen Sprachen kein vergleichbares Wort gibt. Im Englischen bezeichnet man als „Volonteer“ jede freiwillig übernommene außerhäusliche unbezahlte Arbeit – von der Nachbarschaftshilfe bis zum Präsidenten eines Fußballklubs. Dieser Begriff verschleiert daher, dass es auf diesem Gebiet sehr unterschiedliche Arbeiten gibt.
Ich versuche deshalb eine grobe Einteilung:
Die Nachbarschaftshilfe: Darunter versteht man alles, was informell von der Mithilfe beim Hausbau bis zur Einkaufshilfe, Nachhilfe für Nachbarkinder, ja bis zur zeitweiligen Pflege im Bereich von Nachbarschaft als „Freundschaftsdienste“ verstanden werden. Hier sind Frauen und Männer aktiv, aber die Männer doch eher im handwerklichen und beratenden Bereich und die Frauen im sozialen Engagement.
Die unbezahlte Sozialarbeit:
Dabei handelt es sich um eine formellere Arbeit in Institutionen, wie Caritas, Frauenhäusern, Hospiz usw. . Hier engagieren sich deutlich mehr Frauen als Männer.
Die unbezahlte Arbeit in Vereinen, Bürgerinitiativen usw.:
Hier handelt es sich meist um das Engagement für eine persönlich und gesellschaftlich als wichtig erkannte Sache, wie Frauen gegen Atomkraft, Umweltinitiativen und verschiedene gesellschaftspolitische Anliegen. Auch die Mitarbeit in der Pfarre und in der kfb gehört in diesen Bereich. In diesem Bereich engagieren sich ebenfalls mehr Frauen als Männer.
Die ehrenamtliche Arbeit:
Das Wort „Ehrenamt“ setzt sich aus dem Wort „Ehre“ und „Amt“ zusammen. Ein Amt hat immer Etwas mit einer Beauftragung durch Andere zu tun – und dieses Amt soll für jene Person die es ausübt auch eine Ehre sein. In ein Ehrenamt muss ich also von anderen gewählt werden. Wenn wir Ehrenamt in diesem engeren Sinn betrachten, dann sind dort wahrscheinlich überwiegend Männer aktiv.
Diese Einteilung ist keinerlei Wertung.
Für eine lebenswerte Gesellschaft sind all diese Tätigkeiten wichtiger als so mancher hochdotierte Managerposten. Die Philosophin Hannah Arendt geht davon aus, dass für ein ganzheitliches Menschsein jede Person sowohl Versorgungsarbeit als auch Produktionsarbeit und vor allem auch gesellschaftliche Arbeit leisten sollte. Sowohl bezahlt als auch unbezahlt. Aber dennoch sind es unterschiedliche Charismen, die uns in die verschiedenen Bereiche führen und es sind auch gesellschaftlich bedingte Frauen- und Männerbilder, die uns auf unterschiedlichen Gebieten aktiv werden lassen.
Bedenklich ist dabei nur, dass Frauen eher dazu neigen, durch soziale Arbeit Reparaturarbeiten an einer vorwiegend von Männern gestalteten Lebenswelt zu leisten, als diese Welt auf verschiedenen Ebenen aktiv mitzugestalten und zu verändern.
Frauen in Leitungsfunktionen
Im Bereich der bezahlten Arbeit ist es für Frauen immer noch schwer in Leitungsfunktionen zu kommen, dasselbe gilt im Bereich der Politik. Und in der katholischen Kirche sind durch das derzeitige Kirchenrecht den Frauen sowieso klare Grenzen gesetzt. Aber auch im unbezahlten Bereich sind Männer als Präsidenten der diversen Verbände und Vereine meist unter sich. Und es ist leider kein gutes Zeichen für die Kirche, dass die Pfarrgemeinderäte zunehmend weiblich werden – sie sind für Männer ganz einfach nicht mehr attraktiv genug. Dennoch, im Bereich des echten Ehrenamts liegt für Frauen eine Chance die Lebenswelt mitzugestalten. Wir sollten sie ergreifen. Dazu braucht es den Mut, sich das zuzutrauen, es braucht solidarische Frauen, die mittragen und es braucht Vertrauen darauf, dass uns Gott die Kraft dazu gibt.
Eine Falle müssen wir allerdings umschiffen. Das Ehrenamt darf nicht zum Ersatz für die Berufstätigkeit werden. Männern gelingt es häufig, aus ihren Ehrenämtern noch Profit für ihre Berufsarbeit und auch umgekehrt, herauszuschlagen, indem sie ihre Netzwerke nutzen. Wir Frauen müssen unsere Ehrenämter so gestalten, dass wir zumindest dadurch keinen Schaden für unsere bezahlte Arbeit haben. Die Rahmenbedingungen der ehrenamtlichen Arbeit müssen deshalb auf ihre „Frauentauglichkeit“ hin angeschaut werden. Das ist ein wichtiges Aufgabengebiet für die kfbö. Ehrenamtliche Arbeit muss für Frauen möglich sein, gerade wenn sie einer bezahlten Arbeit nachgehen – sie ist kein Ersatz für einen Beruf.
Das Ehrenamt bereichert
Dennoch möchte ich keinen Tag meiner ehrenamtlichen Arbeit in der kfb missen. Ich habe die Zusammenarbeit mit Frauen unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlichsten Alters, mit unterschiedlichsten Erfahrungen, immer als stärkend erlebt und ich habe auch erfahren, dass wir gemeinsam unsere Lebenswelt– von der Pfarre bis hin zur österreichischen Frauenpolitik - mitgestalten und verändern können. Pfarrliche Frauengruppen, ihre Leitungsteams, bis hin zur Diözesanleitung sind eine wirkungsvolle kirchliche und gesellschaftliche Kraft. Es gelingt uns immer wieder, unseren Pfarrgemeinden ein menschenfreundliches Gesicht zu verleihen. Durch die Gestaltung von Gottesdiensten, liturgischen- und Gemeindefesten machen wir das weibliche Antlitz Gottes sichtbar. Die kfb-Gruppen sind ein wichtiger Bestandteil ihrer Gemeinden. Als größte Frauenorganisation Österreichs versuchen wir den Dialog mit der Kirchenleitung und mit Politikern und Politikerinnen auf gleicher Augenhöhe zu führen. Die Aktion Familienfasttag, unsere Einrichtungen wie der Verein Tamar, die Frauenhäuser sind wichtige Initiativen. Auch durch unser Engagement gegen sexistische Werbung, im Kampf gegen Armut und Ausländer-Feindlichkeit haben wir einiges bewirkt. Ich möchte deshalb viele Frauen ermutigen, sich gemeinsam mit ihren Gruppen die Kandidatur für die Leitung in der kfb von der Pfarre, über das Dekanat bis zu Vikariat und Diözese zu überlegen. Es ist eine für uns selbst, für die Kirche und für die Gesellschaft wichtige Aufgabe – die wirklich bereichert – gerade weil sie mit Geld nicht aufzuwiegen ist.
Traude Novy







